Bislang gab es den Mitschnitt von Dmitri Mitropoulos’ legendärem letzten Mahler-Konzert, das er zwei Tage vor seinem Tod am 30.Oktober 1960 in Köln dirigierte, nur mangelhafte Piratenpressungen. Jetzt hat der WDR die exzellenten Originalbänder zum ersten Mal beim neu gegründeten englischen Sammlerlabel ICA Classics veröffentlicht, und das Ergebnis übertrifft alle Erwartungen.
| Mitropoulos’ letztes Konzert |
Trotz seines unermüdlichen Wirkens für Mahlers Werk gibt es nur zwei, drei offizielle Mahler-Produktionen unter seiner Leitung und eine Handvoll von Konzertmitschnitten, die vor allem seine späten New Yorker Konzertaufführungen (in meist dürftiger akustischer Qualität) dokumentieren. Zuletzt erschien beim amerikanischen Sammler-Label Music & Arts eine 6 CDs umfassende Kompilation der Symphonien I, III, V und IX in Mitschnitten der New Yorker Philharmoniker aus den Jahren 1956 bis 1960, die ergänzt wurden mit der Sechsten aus Köln (von 1959) und der berühmten Salzburger Aufführung der Achten aus dem Jahr 1960 (Music & Arts CD-1021). Gemessen an der mäßigen akustischen Qualität dieser Konzertmitschnitte wirkt der jetzt vom WDR erstmals offiziell freigegebene und (offenbar behutsam restaurierte) Kölner Rundfunk-Mitschnitt seines allerletzten Konzerts mit Mahlers Dritter wie eine musikalische Offenbarung und ein akustischer Ohrenschmaus, den man nach Kenntnis der bisherigen Piratenversionen so nicht erwartet hätte. Da kann man hören, dass deutsche Rundfunk-Tonmeister schon vor 50 Jahren ihr Metier beherrschten, auch wenn sie noch am alten Mono-Format festhielten.
Wer Mahlers monumentale „Schöpfungs-Symphonie“ von den einschlägigen Stereo-Referenzen im Ohr hat, also etwa von Haitink, Bernstein, Horenstein oder Solti, wird erstaunt sein, welche luftige Transparenz und unglaubliche Detailfülle die WDR-Techniker und natürlich auch Mitropoulos dem massiv instrumentierten Koloss schon 1960 abzutrotzen verstanden: Zahlreiche neueste Digital- und Surround-Produktionen klingen dagegen richtig verwaschen und aufgebläht. Was einem aber vom ersten Takt an in Bann schlägt, und dann mehr als 90 Minuten lang den Atem raubt, ja in eine andere Welt entführt, ist Mitropoulos’ „fanatische Ausdrucksmacht“, die WDR-Redakteur Michael Schwalb in seinem klugen Booklet-Kommentar als entscheidendes Kriterium seiner Magie festmacht, und die ihn aus heutiger Sicht schon fast als Exoten aus einer anderen Zeit erscheinen lässt. Denn fast alle Mahler-Pultstars von heute wirken dagegen wie blasse Langweiler. Und weiter schreibt Schwalb: „Mitropoulos nimmt Mahler beim Wort, er verlässt sich ganz auf die Tragfähigkeit der großen architektonischen Bögen, weshalb der erzählerische Duktus seiner breiten Tempodisposition so fesselnd und bestechend ausgeglichen wirkt. Dabei lotet er in dem ihm eigenen Ausdrucksfanatismus und dramatisch zupackenden Gestus alle Höllenabgründe und Seelenzerrissenheiten Mahlers aus.“ Damit ist alles Entscheidende gesagt und es bleibt mir nur hinzuzufügen, dass ich (trotz des breiten Tempoflusses und 93 Minuten Spielzeit) noch nie eine so schlüssige, so konsequent dramatisch und episch durchgeformte, und insgesamt so spannende und innerlich glühende Interpretation dieser Symphonie gehört habe, wobei es Mitropoulos wirklich gelingt, die von Mahler intendierte aufsteigende Linie des Werks von der unbelebten Natur des Beginns bis zur mächtig ausflutenden göttlichen Liebe im Finale als grossen, unaufhaltsamen Prozess der Läuterung und der Erlösung auch emotional erfahrbar zu machen. Dass er während der Aufführung eine Herzattacke erlitt und danach nur noch zwei Tage zu leben hatte, macht dieses letzte Dokument seiner Kunst nur noch wertvoller und erschütternder.
| Interpretation | 100% |
| Editorischer Wert | 100% |
| Mahler: Symphonie Nr.3 d-moll (+ Debussy: La mer) |
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| Lucretia West, Mezzosopran; Frauen des Kölner Rundfunkchors; Kölner Domchor: Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester des WDR |
| (Aufnahmen: Funkhaus Köln, 24. und 30. Oktober 1960) |
| ICA Classics ICAC 5021 (2 CDs – mono) |
| TT: 118’17 |












