Schlanke, energiegeladene Interpretationen zweier epochaler Ballette. Sie zeigen Strawinsky von seiner eleganten Seite und eröffnen dank der phänomenalen SACD-Klangtechnik einen röntgenologisch genauen Blick auf die Partituren.
 |
| Igor Strawinsky – Petruschka, Le Sacre du Printemps, Bergen Philharmonic Orchestra, Leitung: Andrew Litton |
Begäbe man sich auf die Suche nach den besten und renommiertesten europäischen Orchestern, würde einem da zuerst das norwegische Bergen Philharmonicc Orchestra einfallen? Nun, seit 2003 steht Andrew Litton an der Spitze dieses Orchesters, und offenkundig ist es ihm in dieser Zeit gelungen, aus dem Klangkörper ein Ensemble der Spitzenklasse zu formen. Zumindest lässt die exzeptionelle Qualität der vorliegenden Einspielung dies vermuten. Besonders die Solobläser haben in den beiden Ballettpartituren Strawinskys reichlich Gelegenheit zu glänzen, und sie erledigen ihre Aufgabe mit Bravour. Im Falle von „Petruschka‟ wählt Litton die Originalversion von 1911 – was insofern Sinn macht, als in dieser Fassung hörbar wird, wie viel der Komponist in diesem Frühwerk noch der Orchestrationskunst seines Lehrers Rimski-Korsakow verdankt. Litton gelingt es, den enormen Farbreichtum des Werks in mustergültiger Transparenz abzubilden, unterstützt vom gleichermaßen tiefenscharfen wie dynamischen SACD-Klangbild. Dabei kommt das gestisch-tänzerische Element nicht zu kurz, ohne dass jedoch die Partitur auf ihren Jahrmarkts-Hintergrund reduziert würde. Es mag Lesarten geben, in denen aggressivere, groteskere Töne angeschlagen werden; dafür punktet Litton mit einer entspannt atmenden, betont lebensfrohen Lesart.
Ähnliches ist vom „Sacre‟ zu berichten: Wer auf der Suche nach einer Einspielung ist, in der jener ungeheure Schock, den die Uraufführung auslöste, wiederzubeleben versucht wird, wird vielleicht ein wenig enttäuscht sein. Litton bietet hingegen eine organische, schlanke, beinahe swingende Interpretation, in der jeder einzelne Akzent punktgenau sitzt und der es an der erforderlichen Brutalität, etwa in der abschließenden „Danse sacrale‟ oder im Schluss des ersten Teils, keineswegs mangelt. Klanglich bleibt auch hier kein Wunsch offen – die ungeheure Präsenz, mit der etwa die in diesem Werk enorm wichtige Große Trommel aufgenommen wurde, wird der Hörer mit mehr Wohlwollen zur Kenntnis nehmen als sein Nachbar.
| Interpretation |
90% |
| Repertoirewert |
65% |
|
| Bergen Philharmonic Orchestra, Leitung: Andrew Litton |
| Aufgenommen 08 / 2008 und 06 / 2009 |
| BIS / Klassik-Center Kassel SACD-1474 |
| TT 69' |
Wir laden Sie ein, diesen Artikel zu kommentieren. Bitte loggen Sie sich dazu ein. Falls Sie sich noch nicht registriert haben sollten: dies ist im Handumdrehen erledigt.