Tschaikowskys Symphonien gelten bis heute als Domäne der Russen und Mrawinsky als Referenz. Auch Igor Markevitch (1912-1987) wurde in Kiev geboren, verbrachte sein unruhiges Leben aber im Westen. Jetzt hat Newton Classics seinen glasklaren Tschaikowsky-Zyklus aus den Sechziger Jahren wiederaufgelegt.
| Markevitch dirigiert Tschaikowsky |
Markevitch kam schon als Kind nach Paris, wo ihn Cortot entdeckte, und wo er nach einem Kompositionsstudium bei Nadia Boulanger vor allem durch Serge Diaghilev entscheidend gefördert wurde. Schon mit 17 führte er sein eigenes Klavierkonzert auf und bis in die 30er Jahre gab er als aufstrebender Jungkomponist – so etwa des viel beachteten Balletts „L’envol d’Icare‟ – der französischen Moderne entscheidende Impulse. Und trotzdem zog es ihn, den ewig Heimatlosen, nach den Wirren des 2. Weltkriegs unweigerlich zum Dirigieren und er wurde, eher abseits der grossen Musikzentren, zu einem der ganz grossen Orchestererzieher der Nachkriegsjahre. So bekleidete er nacheinander Chefpositionen beim Maggio musicale Fiorentino, in Stockholm, beim Orchestre Lamoureux in Paris, und brachte dann die Sinfonieorchester in Havanna, Montréal, Madrid, Monte Carlo und Rom auf Weltniveau. Nebenbei wirkte er weltweit (und auch in der Sowjetunion) als gefeierter Gastdirigent, bevor ihn ein Gehörleiden zwang, sich neuen Aufgaben, wie der wissenschaftlichen Edition der Symphonien Beethovens oder der Aufarbeitung seines kompositorischen Oeuvres zuzuwenden.
Als Dirigent war Markevitch offensichtlich in der Lage, seine enormen mentalen Kräfte, seinen dämonischen Gestaltungswillen durch ein Höchstmass an Kontrolle auf die Musiker zu übertragen und gleichzeitig rigorose Objektivität, also „die vollkommene geistige Übereinstimmung mit dem Werk“ herzustellen, dies aber ganz ohne Theater und Egozentrik, sondern nur mit „Gewandtheit und geistiger Spannung“. Seinen Schülern verordnete er ein „Striktes Verbot auf dem Podium zu schwitzen! Schweiß ist unnötig, veraltet, mittelalterlich!‟ Und genau diese spannungsgeladene, schlank-konturierte, gleichzeitig französisch klare und russisch impulsive Objektivität, die bei aller rhythmischen Sogkraft, aller mühelosen Eleganz stets die strukturelle Logik des Werks ins Blickfeld rückte und niemals sich selbst, diese ungemein moderne und spannende Art von „Werktreue“ prägt auch den jetzt von Newton Classics auf vier CDs wiederveröffentlichten Zyklus aller Tschaikowsky-Symphonien. Markevitch produzierte ihn zu Beginn der 60-er Jahre in London mit dem damals schon auf Topniveau spielenden London Symphony Orchestra für Philips, und er zählt bis heute zu den unantastbaren Referenzen des überquellenden Tschaikowsky-Katalogs. Markevitch ist auf alle Fälle bis heute die einzige bedeutsame Alternative zu den sowjetischen Tschaikowsky-Heroen wie Mrawinsky, Svetlanov oder Roschdestwenskij.
Ich hatte vor allem Markevitchs messerscharfe und glasklar trockene Vierte noch in bester Erinnerung, als ich jetzt, nach so vielen Jahren, den kompletten Zyklus wiederhörte und mich auch über die gute Klangqualität der CD-Transfers freute. Jetzt waren es aber vor allem die stets unterschätzten ersten drei Symphonien, die mich am meisten beeindruckten, denn Markevitch hat diese, von den Kritikern bis heute geschmähten Werke schon damals, vor fast 50 Jahren energisch rehabilitiert, und zwar einfach dadurch, dass er sie ernst nahm, in rigoroser Deutlichkeit ausleuchtete und sie mit seinem urrussischen Temperament von innen durchglühte. So enthüllen diese drei ersten Symphonien auch ihr zutiefst russisches Wesen, und korrigieren nachdrücklich die Mär vom „verwestlichten“ Komponisten und Parfümier Tschaikowsky.
Ich kenne keine bessere, spannendere Einspielung der zweiten Symphonie. Ebenso verscheucht Markevitch auch in den späten Symphonien als erster außerhalb des Sowjetreichs wirkender Dirigent alles falsche Pathos und alle Hollywood-Rührseligkeit zugunsten einer streckenweise asketisch anmutenden schnörkellosen Klarheit, und einer wunderbar polyphon durchgezeichneten Vielstimmigkeit. Das Schlussadagio der Sechsten klingt fast wie ein leidenschaftlicher Lebensappell. Zum hundertsten Geburtstag Markevitchs im nächsten Jahr wünschen wir uns weitere solcher faszinierender Wiederbelebungen seiner unglaublichen Musikalität.
| Interpretation | 90-100% |
| Editorischer Wert | 95% |
| Pjotr I. Tschaikowsky: Symphonien Nr. 1-6 |
|---|
| London Symphony Orchestra, Igor Markevitch |
| (Aufnahmen London 1962 – 1966) |
| Newton Classics 8802036/ Codaex (4 CD – stereo) |
| TT: 236’27 |













