Banner
Banner

Edvard Grieg – Klavierkonzert, Violinsonate und fünf Lyrische Stücke

15.02.2011  | von Mátyás Kiss
 
In einem leider gewöhnungsbedürftigen Format erschien dieses unübertrefflich gut klingende Dokument der Grieg-Interpretation vom Anfang des vorigen Jahrhunderts.

Edvard Grieg – Klavierkonzert, Violinsonate und fünf Lyrische Stücke
Die Entstehungsgeschichte dieser aus alt und neu kombinierten Aufnahme von Griegs Klavierkonzert ähnelt jener berüchtigten Caruso-CD: Damals wurde seine Originalstimme aus der Frühzeit der Tonaufzeichnung beibehalten, aber der Orchesterpart digital entfernt; dann hat man ihn mit heutiger Technik neu eingespielt und wieder dazu gemischt. Nur klingt hier Percy Graingers um 1921 festgehaltener Solopart genauso hi-fidel und quicklebendig wie die Begleitung. Wie ist so etwas technisch möglich? Die Freunde von Conlon Nancarrows Werken für das Ampico-Selbstspielklavier werden die Antwort bereits wissen: Er hat seine Interpretation auf einer Duo-Art-Klavierrolle festgehalten, die das Orchester im Jahre 2009 so begleitete, als säße Percy Grainger (von Grieg selbst noch als idealer Interpret seiner Werke gelobt) mitten unter ihnen – nur mit dem Unterschied, dass dessen Interpretation fix vorgegeben war. Ein etwas unheimlicher Vorgang, den wir aus dem Kino kennen, wo die Toten seit jeher fröhliche Urstände feiern.

Die acht übrigen Tracks fungieren als Zugaben; dass einige davon, die durchaus noch auf die SACD gepasst hätten, aus dem Netz heruntergeladen werden müssen, betrachte ich als ein kleines Ärgernis. Als kleine Sensation hingegen können die vier Lyrischen Stücke (darunter der unverwüstliche „Hochzeitstag auf Troldhaugen“) in Eigeninterpretationen des Komponisten aus dem Jahre 1906 gelten (während eines Besuches in Leipzig hat er insgesamt neun Stücke auf sechs Rollen für die Nachwelt festgehalten). Ob gewisse Ungelenkigkeiten der manuellen Verfassung des 63-jährigen Grieg oder den Grenzen des Aufzeichnungsmechanismus‘ („Phonola“) geschuldet sind, kann hier nicht entschieden werden. „An den Frühling“ spielte Percy Grainger 1919 ein. Den Klavierpart der berühmten dritten Violinsonate schließlich haben einst anonyme Kräfte nach der Partitur gestanzt; die eigentliche Interpretation liefert erst der weltweit einzige Pianola-Experte Rex Lawson. Wie auch immer, der mir ansonsten unbekannte Geiger Oyvind Bjora bleibt dem Stück kaum etwas schuldig. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der sensationsheischende Aufwand dieser Produktion, wie er im Booklet nachzulesen ist, und das beruhigend „normal“ wirkende klingende Ergebnis in einem gewissen Missverhältnis zueinander stehen. Dennoch ist die (selbst im Vergleich zu aktuellen Aufnahmen) verwöhnteste High-End-Ansprüche befriedigende Einspielung des Klavierkonzerts schlechterdings unverzichtbar.

Verzichtbar hingegen scheint mir das Pure Audio Blu-Ray-Format (24 Bit/352 kHz!) wie zuvor schon die längst im Orkus gelandete Audio-DVD. Was macht man mit dem nicht genutzten Bildschirm? Und wer schließt schon seinen Fernsehbildschirm, der in der Regel über eigene Lautsprecher verfügt, an eine wirklich hochwertige Anlage an? Denn die beigepackte SACD reicht als hochauflösendes, wahlweise zwei- oder mehrkanaligen Musikgenuss bietendes Format völlig aus. Vollends ärgerlich wird die Veröffentlichung durch ihr Hochformat: Wohin soll man eine so verpackte Disc bloß räumen? Zu den Filmen etwa? Wahrscheinlich wirft man die Hülle fort, steckt das Büchlein, das auch im Querformat nicht zu den CDs passen will, ins Bücherregal und reiht den nunmehr hüllenlos gewordenen Tonträger ins CD-Regal ein, auf dass er dort vollends verloren gehe.

Interpretation ungewöhnlich bis außerordentlich
Repertoirewert 100%

Edvard Grieg
Klavierkonzert a-Moll op. 16, Violinsonate Nr. 3 c-Moll op. 45, 5 Lyrische Stücke
Percy Grainger, Edvard Grieg, Player Piano; Oyvind Bjora, Violine;
Rex Lawson, Pianola; Kristiansand Symfoniorkester, Ltg.: Rolf Gupta
Pure Audio Blu-ray Disc und SACD 2L60SABD EAN-Code: 704188851412 (Vertrieb: Naxos)
TT: 66‘18

Wir laden Sie ein, diesen Artikel zu kommentieren. Bitte loggen Sie sich dazu ein. Falls Sie sich noch nicht registriert haben sollten: dies ist im Handumdrehen erledigt.

Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
 
Banner
Banner