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Echoes Of Swing – Message From Mars

14.02.2011  | von Marcus A. Woelfle
 
Wie frisch und neuartig, so ganz und gar unverstaubt traditioneller Jazz klingen kann zeigen vier ausgeschlafene Meisterswinger mit bewundernswerter Leichtigkeit. Daneben klingt manch Zeitgeistiges vorgestrig.

Echoes Of Swing – Message From Mars
„We were far out. The people called us the men from Mars”, erzählte mir einmal der Bassist Ray Brown über seine Auftritte mit Charlie Parker und Dizzy Gillespie an der amerikanischen Westküste im Jahr 1946. Wie wäre es, stiegen die vier Herren, die seit 1997 die Gruppe „Echoes Of Swing“ bilden, in ihre Zeitmaschine, um an Stelle eines wieder einmal verhinderten Charlie Parker im Billy Berg’s ihre Message from Mars einem staunenden Publikum vorzusetzen? Damals, als der Bebop die Hörgewohnheiten der Jazzfreunde erschütterte, als Hörer entmutigt das Tanzbein sinken ließen und fluchtartig das Weite suchten, hätte man die gewitzte Viererbande als konservative Individualisten mit einer allerdings neuartigen Gruppenkonzeption eingestuft. Schmunzelnd hätte man zur Kenntnis genommen, dass Chris Hopkins mit seinem Zitat aus „Ornithology“ Insidern zu verstehen gegeben hätte, dass er auch das Allerneueste von Charlie Parker gehört hat, aber dessen ungeachtet anders zu spielen gedenkt. Und zwar wie Chris Hopkins, nicht wie Benny Carter, Johnny Hodges, Willie Smth oder irgend ein anderer Swingaltsaxophonist jener Tage. Wegen solch eines Ausbunds an Individualismus hätte man ihn und seine Mitstreiter weniger als Epigonen betrachtet, eher schon als Originale mit eigenständigen, wenn auch unprogressiven Personalstilen. Man glaubte daran, das Musiker ihren eigenen Sound haben müssen – und den haben die vier Könner, auch wenn sie sich an den Größen der 20er bis 40er Jahre geschult haben. Der Vollbluttrompeter Colin T. Dawson kennt seinen Roy Eldridge, imitiert ihn aber ebenso wenig wie seinen tatsächlichen Lehrer Jabbo Smith, der übrigens 1946 auch schon als Relikt vergangener Jahrzehnte gewirkt haben muss, und seit einigen Jahren keine Platten mehr machte. Den Pianisten Bernd Lhotzky hätte man als Erben der Harlemer Stride Professoren und als vielseitigen Virtuosen mit klassischer Anschlagskultur geschätzt. Oliver Mewes hätte man als einen Klangsensibilisten mit Sinn für feinste Nuancen gewürdigt. Die Darbietungen des Quartetts wären in ihrer ungewöhnlich bunten Repertoire-Mischung und vor allem in der spieltechnischen Akkuratesse auch damals, in dieser an großen Gruppen wahrlich nicht armen Zeit, mit Lob überschüttet worden. Um die Musik des Quartettes zu beschreiben, hätte man sicherlich das Sextett des guten John Kirby bemüht, dessen Stern damals längst gesunken war. Kirby bot nicht nur pfiffig arrangierte Standards, sondern gute Originals der Bandmitglieder und brachte „Klassisches“ zum Swingen, ähnlich wie es „Echoes Of Swing“ heute halten. Sie bieten nur wenige, dafür sehr ungewöhnlich arrangierte „Standards“, eine Handvoll zu Unrecht vergessener Songs „aus der guten alten Zeit“, dazu geistvolle Eigenkompositionen und eben „Klassisches“ aus den Federn von Chopin, Kreisler und Schostakowitsch. Vor 70 Jahren wunderte man sich schon, wie Kirbys „größte kleine Band im Land“ mit sechs Leuten eine Bigband ersetzt; man hätte aber Bauklötze gestaunt, wie „Echoes Of Swing“ das zu viert bewerkstelligen. Kirby war Bassist. Das Fehlen eines Bassisten bei EOS wäre damals als Unikat in der Jazzlandschaft aufgefallen. Wo man einen Bassisten oder ein drittes „Horn“ zu hören vermeint, steckt meist Bernd Lhotzky dahinter, der längst als einer der eminenten Stride-Pianisten der jungen Generation bekannt ist (und zum Beispiel auch ein Piano-Duo mit Chris Hopkins bildet, der sich auf diesem Album auf seine beträchtlichen Fähigkeiten als Altist beschränkt.) Mit Lhotzky, der mit Mewes ein beeindruckendes Rhythmusteam bildet, wird das Quartett schon mal ein Quintett. Oder gar Sextett? Einen gelegentlichen Sänger haben sie auch in eigenen Reihen: Colin Dawson! Und der erinnert ausgerechnet an den jungen Chet Baker der frühen 50er Jahre. Warum gerade Trompeter so gute Sänger sind, wissen die Götter. Und die haben bekanntlich vor den Erfolg den Schweiß gesetzt. Aber wo bleibt der Schweiß dieser vier jungen Herren? Sie schütteln alles mit einer so bezaubernden Leichtigkeit aus dem Handgelenk, dass man nur den Spaß wahrnimmt und nicht daran denkt, wie viel Arbeit diese locker swingende Formation investiert hat. Große Musikalität und spontanes Drauflosjammen genügt bei dieser Art des Combo-Swings nicht. Hier sind raffinierte Arrangements präzise zu spielen, die die Musiker mit viel Liebe zu Details ausgetüftelt haben, und die nicht funktionierten, wenn auch nur einer der vier ein etwas anderes time-Gefühl hätte. Ab dem zweiten Stück, in dem die Marsmenschen landen, spätestens ab dem dritten, wenn Dawson seinem „The Ghost Of Marsden Grotto“ einen Ghost huibuhen lässt, erkennt man, dass der Humor der Truppe mitunter fast so skurril ist wie weiland jener Raymond Scotts (auch wenn unter dem Leinentuch das harmonische Gerippe von Ellingtons „Drop Me Off in Harlem“ hervorlugt). Nur, dass Scotts Gruppen selten so swingten wie die EOS. Ihr Verdienst ist es nicht zuletzt, höchst kreativ und spielwitzig auch Fäden aufzunehmen, die im Laufe der Jazzgeschichte eher fallengelassen worden waren. Wie gesagt: In den 40er Jahren wäre solche Musik als konservativ durchgegangen. Und heute? Man kann durchaus eine mit solcher Lebendigkeit, Phantasie und Bandbreite fortgeführte Tradition als innovativer empfinden als manch zeitgeistig „angesagte“ Allerweltsnovität.

Echoes Of Swing – Message From Mars
1. Shake it and break it
2. Message from Mars
3. The ghost of Marsden Grotto
4. Don't explain
5. Butterfly chase
6. Goon drag
7. Delirium
8. His honour and the vermin
9. Moonlight fiesta
10. Liebeslied
11. Twilightnin' Hopkins
12. Don't save your love for a rainy day
13. Odeon
14. Bughouse
15. Spring is here
16. Gavotte
Bernd Lhotzky (p)
Oliver Mewes (d)
Colin T. Dawson (tp, voc)
Chris Hopkins (as)
Echoes Of Swing ESOP 4506 2
58:39 min.

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