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Anna Vinnitskaya spielt Prokofjew und Ravel

14.12.2010  | von Attila Csampai
 
Es gibt sie noch, die wirklich begabten, aufregenden Klaviertalente, die uns bekannte Geschichten neu erzählen können. Anna Vinnitskaya, Hamburgs jüngste Klavierprofessorin, zählt dazu: Beide Konzerte meistert sie mit verführerischer Eleganz und funkelnder Noblesse.

Anna Vinnitskaya spielt Prokofjew und Ravel
Es gehört schon einiger Mut dazu, sein erstes Konzert-Album mit dem ungestüm-wilden, ja hemmungslosen g-moll-Klavierkonzert des jungen Prokofjew zu bestücken: Allein die wahnwitzige Riesen-Kadenz im Kopfsatz geht an die Grenzen des Manuell-Möglichen. Doch die 27jährige Russin Anna Vinnitskaya hat just mit diesem „barbarischen“ Opus vor drei Jahren den Sieg davon getragen im renommierten Brüsseler Reine-Elisabeth-Concours und auch Gilbert Varga war schon damals als Dirigent mit dabei. Natürlich verfügt die Koroliov-Schülerin über die nötigen Kraftreserven, um das sperrige Monstrum souverän zu meistern. Aber sie hat auch ein hochentwickeltes Sensorium für die strukturelle Komplexität, den betörenden Farbenreichtum, das raffinierte Innenleben dieses bis heute unterschätzten Schlüsselwerks der russischen Moderne und so leuchtet sie mit Hilfe des perfekt eingestellten, polyphon aufgefächerten DSO aus Berlin den atmosphärischen Zauber, den poetischen Subtext und die vielen Facetten des Prokofjewschen Humors aus, und befreit so dieses wunderbar experimentelle und phantastische Meisterwerk endlich aus den Fesseln einer nur auf vordergründige Athletik und wüsten Barbarismus ausgerichteten „sowjetischen“ Spieltradition. Dank ihres phantastischen, seismographisch-flexiblen Timings kommen endlich einmal der sprechende Gestus des Konzerts und auch die großen dramatischen Bögen des „Theatralikers“ Prokofjews zum Zug, und so kann sich hier auch die tiefe läuternde Kraft dieser nur vordergründig provozierenden Musik in schönsten Farben entfalten. Auch bei dem weniger aggressiven, nobel-ironischen G-dur-Konzert Ravels findet Anna Vinnitskaya eine sehr schöne, spannungsreiche, französisch-luftige Balance zwischen Sensibilität, dynamischer Feinabstufung und frischer jugendlicher Attacke. Und auch hier glänzt sie mit „todsicherem“ Timing und mitreißendem Drive. Das Klangbild der in Berlin, im Grossen Sendesaal des rbb aufgezeichneten Stereoproduktion klingt feinstofflich schlank, transparent und farbenfroh und unterstützt sehr schön den atmosphärischen Zauber der Interpretation.                                                 

Interpretation 90%
Editorischer Wert 80%

Sergej Prokofjew: Klavierkonzert Nr.2 g-moll
Maurice Ravel: Klavierkonzert G-dur
Anna Vinnitskaya, Klavier
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Gilbert Varga
(Aufnahmen Berlin 2010)
Naïve/Indigo V5238
TT: 54’42

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