Mozarts Klavierkonzerte kennen keine Halbwertszeit und dulden keinen Stillstand in der interpretatorischen Erkundung: Jetzt haben eine junge belgische Pianistin, ein ausgeschlafenes Kammerorchester, ein freundlicher Dirigent und ein indiskreter Tonmeister gemeinsam den „menschlichen Faktor“ reanimiert. Attila Csampai ist begeistert.
| W. A. Mozart – Klavierkonzerte |
Diese „Theaterhaltung“ der Klavierkonzerte haben jetzt die belgisch-israelische Pianistin Edna Stern und das 20-köpfige „Orchestre de Chambre d’Auvergne“ unter dem holländischen Dirigenten Arie van Beek geradezu exemplarisch an drei ausgewählten „mittleren“ Konzerten umgesetzt, und sie haben dazu auch eine echte Theaterbühne und die erstaunlich trockene Akustik des Opernhauses von Vichy gewählt, die jedes kleinste Detail ihres lebendigen und ungemein beredten musikalischen Dialogs in gnadenloser Präsenz und Prägnanz ausleuchtet – mit wunderbar warm klingenden Röhrenmikrofonen. Die 33-jährige Brüsselerin genoss eine umfassende musikalische Ausbildung in ihrer Heimatstadt, Tel Aviv und Basel und studierte bei einer Reihe so prominenter Lehrer wie Martha Argerich, Krystian Zimerman, Alicia de Larrocha, Andreas Staier und Leon Fleisher, und dieser stilistisch und intellektuell weite Horizont prägt auch ihr erstes Mozart-Album (mit den beiden Es-dur-Konzerten KV 271 und KV 449 und dem A-dur-Konzert KV 414), das sich auf Anhieb sehr weit oben einreiht in der Referenzliste dieser Konzerte.
Faszinierend auch Edna Sterns perfekte, ausgereifte, mühelose Technik, mit der sie aber an keiner Stelle prahlt, sondern die sie diskret in den Dienst der Musik stellt. Es gelingt ihr so, ganz hinter der Musik zu verschwinden, und trotzdem alle Details immer klar, deutlich, entschieden herauszumodellieren. Sie versteht es, auf einem modernen Konzertflügel authentische Stimmungen und einen historisch anmutenden Klangzauber zu erzeugen, wobei ihr ihre reichen Erfahrungen mit historischen Instrumenten zugute kommen: Der große Steinway klingt gezähmt und empfindsam wie ein alter Hammerflügel, und doch körperhaft und sinnlich, und er entwickelt einen ungeahnten Reichtum an Anschlagsnuancen und Klangfarben. Das ist beseeltes, beredtes und zugleich ungemein waches Mozart-Spiel ohne jeden Anflug von falscher Sentimentalität, ohne den typischen „Zuckerguss“, mit dem andere Pianisten diese glasklare Musik gerne künstlich aufsüßen – vielmehr polyphon durchgezeichnete, atmende Strukturen ohne Sfumato, ohne Pedal, ohne die üblichen Weichzeichner.
Und es herrscht eine wunderbare Feinabstimmung zwischen dem herben, vibratolosen Klang der Streicher und dem ähnlich körperhaften, beredten, sprechenden Anschlag der Pianistin, und der Tonmeister lässt uns diese intimen, diese zärtlichen und prickelnden Dialoge hautnah miterleben. Auch wenn es einem schwer fällt, von einem „idealen“ Mozart-Klang zu sprechen, so haben uns Edna Stern und das Kammerorchester aus Clermont-Ferrand hier doch einen ganz neuen Weg zeitgemäßer Mozart-Interpretation gewiesen, der auf eine sehr suggestive Weise altes Wissen mit neuer Sensibilität, Empfindsamkeit mit Prägnanz, spontane Spielfreude mit Schönheit und Respekt verbindet: Meinem Mozart-Ideal kommt das sehr nahe.
| Interpretation | 100% |
| Editorischer Wert | 90% |
| W. A. Mozart; Klavierkonzerte Es-dur KV 271, A-dur KV 414; Es-dur KV 449 |
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| Edna Stern, Klavier; Orchestre de Chambre d’Auvergne, Arie van Beek |
| (Aufnahmen 2009) |
| Zig Zag Territoires ZZT 100901 |
| TT: 70'03 |













