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Ansgar Dälken – All Ways Know

28.10.2010  | von Hans-Jürgen Schaal
 
Thelonious Monks Nebenleute rätselten oft, welchen Ton sie denn nun spielen sollten, so komplex und verwirrend wirkten manche seiner Akkorde. Wenn andere Pianisten seine Stücke nachspielten, meinte Monk oft nur trocken: Sie haben es falsch gemacht. Aber nun: Monk auf der akustischen Gitarre. Kann das überhaupt funktionieren?

Ansgar Dälken – All Ways Know
Thelonious Monk war ein ziemlich eigenwilliger Kerl – als Mensch, als Pianist, als Komponist. Der Zwei-Meter-Mann konnte stundenlang herumrennen und Selbstgespräche führen, ging manchmal tagelang nicht zu Bett und schlief dann 48 Stunden durch. Er konnte sich weder Schnürsenkel noch Krawatte binden, besaß hundert seltsame Kopfbedeckungen und brauchte für die Auswahl seiner Garderobe oft eine Stunde. Dann wieder saß er stundenlang stumm da und brütete, besonders bei Interviews. Auch die Produzenten hatten oft Mühe, die Namen der Stücke aus ihm herauszukitzeln, die er für sie aufnahm: Er brummte häufig nur vor sich hin. Auf der Bühne benahm er sich erst recht merkwürdig, untersuchte zuweilen, während er spielte, Instrument und Hocker oder tanzte zu den Soli seiner Nebenleute herum wie ein betrunkener Grizzly. Am Klavier hielt er seine Finger flach und steif, schlug tolpatschige Dissonanzen, arbeitete mit den Ellbogen und kannte keine Feindynamik. Als Komponist pflegte er die bizarre Manie, aus ein, zwei Kernfiguren ein komplettes Thema zu entwickeln – mit seltsamer Logik und eigenwilliger Ökonomie. Und wenn er improvisierte, führte er diese Logik einfach weiter: „Er nimmt eine kleine Melodie und dreht sie herum, macht sie rund, macht sie eckig, macht sie schraubenförmig, mit Gewindegang...“ – so beschrieb es sein Sohn, der Schlagzeuger. Mit dieser Bastelarbeit hörte Monk auch dann nicht auf, wenn andere ihr Solo spielten, weshalb Miles Davis einmal klagte: „Ich kann ihn in einer Rhythmusgruppe nicht ertragen!“

Monks bohrend-konsequente Kompositionen sind Ohrwürmer einer besonderen Qualität: „Man kann sie immer und immer wieder hören“, sagt Ansgar Dälken, „ohne auch nur eine Ahnung von Überdruss zu verspüren.“ Als Kind hat Dälken gerne auf dem Klavier frei fantasiert – spielerisch, ohne Vorwissen, staunend die Welt der Klänge entdeckend. Dieses Glücksgefühl hat er später in der Musik von Thelonious Monk wiedergefunden – und so entstand der Wunsch, Monk einmal auf dem eigenen Instrument zu hören, der akustischen Gitarre. Dälken hat sämtliche Monk-Stücke für Gitarre bearbeitet, auf seiner CD spielt er etwa ein Drittel davon. Das Wunder ist, dass es funktioniert, ganz ohne Overdubs. Wir hören hier nicht Gitarrenmusik über Monk-Stücke, wir hören Monk pur, seine Tempi, seine Voicings, seine schrägen Quarten, seine schrillen Dissonanzen – und, wenn man genau hinhört, wohl auch seine seltsamen Hüte und eckigen Tänze.

Wir hören Monk, den Eigenwilligen, restlos übersetzt in die Techniken eines ideologisch freien Fingerpickings, in die Klangwelt der akustischen Gitarre (Stimmung: DADGAD). Und es offenbart sich dabei eine unvermutete Nähe zum Sound des Folk-Blues, eine fast mystische Transformation. Dabei stellt Dälken oft nur das Thema hin, er improvisiert wenig, und wenn, dann respektvoll im Spirit des Stücks, mit walkendem Bass und angelehnt an Monk-Phrasen. Das ist mehr Recital als Jazz, aber erschöpft sich kein bisschen. Man kann diese Stücke eben immer und immer wieder hören.

Ansgar Dälken plays Thelonious Monk
All Ways Know
Think Of One
Monk’s Mood
Introspection
Pannonica
Brake’s Sake
Light Blue
Evidence
(und 10 weitere)
Ansgar Dälken – akustische Gitarre
Acoustic Music Records 319 1449 2 (veröffentlicht 2010)
TT: 54:07

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