Sein melancholisches, nachdenkliches Spiel machte Big John Patton zur Legende unter den Hammond-Helden. Einer, der der halb vergessenen Legende verfiel, war ausgerechnet Avantgarde-Aktivist John Zorn. Der Orgeldichter und der Saxkreischer: eine ungewöhnliche Begegnung in den 1990er-Jahren.
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| Vom großen und vom kleinen John – Das kurze Comeback des Big John Patton |
Die Hammondorgel ist kein Anfänger-Instrument. Anfänger lernen Klavier, Bass oder Schlagzeug. Vor dem Leben als Organist steht demnach die Initiation, ein Erweckungserlebnis, eine Missionierung. John Patton aus Kansas City war Mitte 20, als es bei ihm geschah. Er spielte damals Bluesklavier für den Sänger Lloyd Price, das Klavierspielen hatte er sich selbst beigebracht. Bei einem Drink in seinem Lieblingsclub in Washington traf Patton eines Abends einen befreundeten Musiker, der nichts Besseres zu tun hatte, als ihm vorzuführen, wie so eine Hammondorgel funktioniert. Orgeln dieser Art standen in Amerika überall herum, in Gemeindesälen und Freizeitanlagen. Aber lange Zeit hatte sich nur selten mal ein Jazzpianist an dem Monstrum versucht. Bis Jimmy Smith kam, dieser Original-Verrückte, der nicht ruhte, ehe er das Hammond-Ding spielte wie ein Ein-Mann-Modern-Jazz-Orchester. Jimmy Smith elektrifizierte und funkifizierte den Hardbop. Plötzlich war die Hammondorgel hip.
„Ich mochte den Sound, er stahl sich in meine Ohren“, erzählte Patton später. „Immer wieder hörte man die Sachen, die Jimmy Smith mit dem Ding anstellte, und ich hörte gut zu.“ Nach seiner Hammond-Einführung in Washington setzte sich Patton bei jeder Gelegenheit an eine freie Orgel, bald spielte er die ersten Clubgigs in der Provinz. Er war beileibe nicht der Einzige: Das Beispiel Jimmy Smith inspirierte damals eine ganze Generation. Richard „Groove“ Holmes und Jack McDuff waren vorher Bassisten, Shirley Scott spielte Klavier und Trompete, Charles Earland Saxophon und Jimmy McGriff alles Mögliche, auch Vibraphon und Schlagzeug. Aber sie alle wechselten zur Hammondorgel: Die bluesige, soulige Tastenmaschine kochte mit ihren elektrischen Soundstürmen die schwarzen Clubs auf und brachte die Tänzer fast um den Verstand. Hammond Fever!
Bei John Patton war es nicht ganz so. Als er endlich nach New York kam, gab es da neben der heißen Clubmusik schon etwas anderes: the New Thing, Avantgarde, Free Jazz, vor allem John Coltrane. „Ich liebe Trane“, bekannte Patton ganz schlicht. „Ich griff seine Spiritualität auf. Ich wünschte, ich hätte mit ihm spielen können.“ Patton wurde zwar nie ein Notenwüterich wie Coltrane, aber er adaptierte dessen beschwörende, hymnische, meditative Haltung: Er ließ sich Zeit bei seiner Musik, phantasierte modal über rollenden Ostinati, entwickelte Stimmungen und Gedanken. Etwas Dunkles, Intensives lag in Pattons Variante von Hardbop, ein Schatten von Trauer und Geheimnis. John Patton war das Gegenteil eines Dampforglers, der den Tänzern einheizt und immer noch eine heißere Register-Steigerung kennt. John Patton erreichte die, die zuhören wollten. Und für die war er bald: „Big“ John Patton.
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| Patton – Got A Good Thing Goin’ |
Rund ein Dutzend Alben machte er in den Sechzigerjahren unter eigenem Namen – und noch mehr als Sideman. Vielleicht am konzentriertesten hört man ihn auf
Got A Good Thing Goin’ von 1966: Da hat er in der Tat sein Ding am Laufen, er und sein Gitarrist Grant Green sind längst ein festes Team, alle paar Monate spielen sie zusammen eine neue Platte ein und jedes Mal dreht Green die Gitarre weiter auf. Diesmal brauchen sie keinen Saxophonisten mehr, keinen Trompeter, einen Bass sowieso nicht: Ein Schlagzeuger und ein Congaspieler genügen zur Begleitung der zwei Solisten. Zusammen basteln Patton und Green „The Yodel“, einen Uptempo-Knaller mit einem furiosen Second-Line-Beat und einer Melodielinie, die tatsächlich an einen Jodler erinnert, sowie „Soul Woman“, einen bluesigen, halbschnellen Swinger; beiden Nummern hört man an, dass viele verschiedene Ideen eingeflossen sind. Dazu covert man zwei aktuelle Soulsongs von Marvin Gaye repektive Sam Cooke, tanzbaren Tamburin-Stoff, und holt sich zum Schluss ein Stück vom Pianisten Duke Pearson, dem offiziellen A&R von Blue Note. Viel Soul, Rhythmus und Raum, um ungestört der Logik der eigenen Einfälle zu folgen. Die Musik prescht vorwärts, doch Big John kümmert sich mehr um seine Triller, Querläufe, Gegenrhythmen und melancholischen Registerfarben. Ein Freigeist im Soul Jazz. Ein abgründiger Romantiker.
Szenenwechsel. Nichts scheint in den Siebzigerjahren so tot zu sein wie Hardbop. Doch in den Achtzigern entdecken DJs plötzlich den souligen Jazz als Tanzmusik für weiße Kids: Das Label Blue Note wird neu gestartet, die Jazz Messengers erleben ihren dritten Frühling, Hardbop-Bands schießen aus dem Boden. Selbst John Zorn, das Enfant terrible der New Yorker Noise-Szene, kann sich für souligen Bop begeistern, jedenfalls für dessen unbekannte, mysteriöse Aspekte. Mit Wayne Horvitz nimmt er 1985 ein Sonny-Clark-Memorial auf (
Voodoo), danach gründet er ein Trio mit Bill Frisell und George Lewis, das nur vergessene Juwelen des erdigen Hardbop spielt: Stücke von Sonny Clark, Kenny Dorham, Hank Mobley, Freddie Redd, Donald Byrd – und Big John Patton („
Minor Swing‟). Zorn entdeckt, dass dieser Patton noch auf der Szene ist, und holt ihn schon 1985 für ein Vier-Minuten-Stück auf seinem Album
The Big Gundown.
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| John Zorn – Spillane |
Zwei Jahre später engagiert der Avantgardist Zorn den legendären Orgeldichter Patton als Begleiter für ein fast 20-minütiges Stück auf dem Album
Spillane. Es ist eine faszinierende, widersprüchliche, aber in ihren Widersprüchen konsequente Platte. Das Titelstück „Spillane“ gehört zu Zorns frühesten multi-stilistischen Arbeiten, in denen Genres und Tempi im Minutentakt wechseln. Das Schlussstück „Forbidden Fruit“ dagegen ist ein Auftragswerk fürs Kronos Quartet, ergänzt durch Stimme und Scratch-Kunst am Plattenspieler. Im Zentrum des Albums aber steht „Two-Lane Highway“, ein Feature-Porträt für den legendären Blues-Gitarristen Albert Collins, der sich hier durch 12 musikalische Stationen soliert. Die „Suite“ ist Collins auf den Leib geschneidert, konfrontiert ihn aber auch mit frechen, unbändigen Noise-Elementen: Ur-Punker Robert Quine spielt den gitarristischen Herausforderer, die Free-Funker Melvin Gibbs und Ronald Shannon Jackson gehören zur Rhythmusgruppe. Und dann ist da natürlich noch der legendäre Big John Patton: Nach rund 6 Minuten rollen seine Orgelläufe dunkel herein, eine Minute später startet sein Solo, zurückhaltend wie immer, mehr lyrisch als virtuos. Das Highlight kommt erst am Ende: ein unbegleitetes Blues-Duett zwischen Albert Collins (Gitarre, Stimme) und Big John Pattons gaumig akzentuierten Orgelakkorden. Mitternachtsstoff.
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| Patton – Blue Planet Man |
Doch wieder vergehen Jahre:
Blue Planet Man, produziert von seiner Frau Thelma, ist 1993 erst Pattons zweites eigenes Album in mehr als 20 Jahren. Inzwischen ist souliger Hardbop wieder eine weltweite Mode, speziell in Japan sind die Leute verrückt nach der Hammondorgel. Was liegt da näher als John Zorn als Gast einzuladen, den Patton-Fan und Teilzeit-Japaner, der in Nippon schon Kult ist? Auf der Disc, für den japanischen Markt produziert, versammelt Patton insgesamt drei Saxophonisten, dazu Gitarre, Drums, Conga und eine Sängerin. Es ist kein ausgegorenes, ausgewogenes Projekt, aber ein vitales: Die Grooves sind fast zu einfallsreich, die Balladen fehlen ein wenig. Die meisten Saxsoli übernimmt natürlich John Zorn: „Little John“ verbessert in diesen Jahren merklich sein Spiel, gibt aber zwischendurch immer noch den unangepassten Lärmmusiker. Dies am deutlichsten in „Congo Chant“, dem ersten Stück: Nachdem Patton lang und meditativ die Orgel-Emotionen gekitzelt hat, quietscht und kreischt sich Zorn nach „far out“. Im alten Orgel-Blues-Hit „Funky Mama“ greift Patton sogar frech Zorns letzte, wilde Phrase auf, beginnt von dort sein Solo und „compt“ später auch zum Conga-Solo. Entdeckungen: die Menge.
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