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Abbey Lincoln

07.10.2010  | von Marcus M. Woelfle
 
Erato, die Sachwalterin von Liebeslied und -leid verlor mit Abbey Lincoln den Alleinvertretungsanspruch für Jazzgesang an Polyhymnia, die sinnierende Muse des ernsten Gesangs mit Instrumentalbegleitung. Als politisch bewusste Schwarze mit kritischem Repertoire ließ Abbey Lincoln spätestens 1960 durch eine Suite aufhorchen: „We Insist! Freedom Now‟ lautete die Botschaft, die sie mit ihrem Ex-Mann, dem großen Schlagzeuger Max Roach eindringlich formulierte.

Da wurde gebetet (Prayer), geschrien (Protest) und tief durchgeatmet (Peace). Die Schläge des Sklavenantreibers konnte man nicht nur hören, man spürte sie. Wer die vergleichsweise verschlüsselte Proklamation der „Freedom Suite“ des Sonny Rollins noch nicht vernommen hatte, musste nun Stellung beziehen. Mit ihrer an Billie Holiday geschulten Interpretationskunst stellte Abbey Lincoln ein reiches, erfülltes Leben lang ehrliches Erleben vor Entertainment, und dies auch als Songwriterin. Ihre Melodien und Texte haben vergleichsweise spät Verbreitung gefunden, bilden aber ein ebenso originelles wie bedeutsames Songbook, das von jüngeren Vertretern ihrer Zunft geliebt und verbreitet wird.

Abbey Lincoln

Wenn heute modisch die Grenzen zwischen den Genres „Jazzgesang“ und „Singer/Songwriter“ verwischt werden, dann geht es nicht zuletzt auf sie zurück. Die expressive Stimme der gebürtigen Chikagoerin, die am 6. August noch ihren 80. Geburtstag feiern konnte, können wir seit dem 14. August 2010 nur noch auf Tonträgern bewundern. In ihrer herben Schönheit gehört diese Stimme wie die Klaviermysterien Thelonious Monks oder die Baßklarinettenwindungen Eric Dolphys nicht nur zu den unvergesslichen, sondern auch zu den unverwechsel- und letztlich unimitierbaren Monumenten der neueren afroamerikanischen Musik.

Abbey Lincoln: Ich weiß nicht, ob ich da gut bin.

Marcus A. Woelfle: Nicht Sie werden getestet, sondern die Aufnahmen.

Abbey Lincoln: Haha.

Marcus A. Woelfle: Suchen wir uns einen ruhige Ecke.

„So gracefully‟ (aus: Abraham Burton: Closest to the sun,enja ENJ-8074 2). Marc Cary (Komposition, Klavier), aufgenommen 1994

AL: Marc Cary, nicht wahr? (lacht) Das ist wunderbar! Ich weiß nicht, wer der Saxophonist ist.

MAW: Abraham Burton

AL: Oh ja, ich dachte es mir, Jackie McLeans Schützling. Ich besitze das Album und bin wirklich glücklich, dass wir diese Musikergruppe um Art Taylor haben. Marc ist ja auch Komponist. Es gibt mir ein sicheres Gefühl, richtig zu liegen. Sie können den Einfluss von John Coltrane hören. Wissen Sie, Art Taylor lebte im selben Gebäude und er probte oft mit diesen jungen Männern. Wir vermissen ihn.

MAW: Er war nicht nur ein großer Drummer, auch ein wichtiger Autor, Musikjournalist.

AL: Lehrer, Historiker. Er interviewte Musiker und Sängerinnen.

„Crazy, He Calls Me‟ (aus: The Complete Dinah Washington On Mercury Vol.3, 834 675-2)

AL: Das ist Dinah. Das ist nicht Dinah, nur jemand, der wie Dinah klingt. Wer ist das?

MAW: Es ist Dinah.

AL: Das ist nicht Dinah Washington. Nein. (irritiert schmunzelnd) Jemand imitiert sie da.

MAW: Es ist zweifellos Dinah, aber sie imitiert Billie Holiday.
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