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Pristine Audio download twenty-seven: Marguerite Long spielt Klavierkonzerte von Ravel und Milhaud

22.04.2011  | von Attila Csampai
 
Gibt es die „authentische“ Interpretation? Bei Marguerite Long könnte man auf die Idee kommen: Denn als sie 1932 Ravels G-dur-Klavierkonzert zum erstenmal einspielte, war Ravel im Studio dabei und kontrollierte jeden Takt. Jetzt hat Pristine Audio dieses legendäre Dokument und anderes von ihr restauriert.

Pristine Audio download twenty-seven: Marguerite Long spielt Klavierkonzerte von Ravel und Milhaud
Marguerite Long (1874-1966) ist die bedeutendste Ikone der modernen französischen Klavierschule in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie kannte alle wichtigen Komponisten der Zeit persönlich und war mit den meisten von ihnen befreundet. Mit Maurice Ravel verband sie ein besonderes Verhältnis. Als Longs Ehemann, Joseph de Marliave, gleich zu Beginn des ersten Weltkriegs tödlich verwundet wurde, widmete ihm Ravel die Toccata in „Le tombeau de Couperin“ und Marguerite Long spielte die bewegende Premiere. 1932 hob sie auch Ravels G-dur-Klavierkonzert aus der Taufe, und startete dann mit ihm eine triumphale Europatournee. Drei Monate nach der Uraufführung spielte sie auch in Paris die erste Schallplattenversion, und wieder war der Komponist mit dabei und überwachte mit kritischem Blick die ganze Session bis spät in die Nacht. Dieses Dokument ist jetzt von Andrew Rose aufwendig restauriert worden. Das zur Verfügung stehende Material litt offenbar unter starkem Rauschen und es bereitete ihm grosse Mühe, die Störgeräusche zu entfernen. So klingt auch der restaurierte Digitaltransfer noch ziemlich patiniert und dürfte wirklich nur für geübte Ohren Hörfreude bereiten. Musikalisch hochinteressant ist allerdings die trockene, völlig unsentimentale Spielweise der damals 58-jährigen Pianistin, die vermutlich genau Ravels Intentionen entsprach. Dies betrifft nicht nur die aufgekratzten, vom Jazz inspirierten Ecksätze des Werks, sondern insbesondere den träumerisch-entrückten, und von Long geradezu kindlich geklimperten langsamen Satz mit seinem metrisch vertrackten, raffiniert zusammengestückelten Walzer. Dass die meisten Musiker des zusammengewürfelten No-Name-Orchesters auch ihre liebe Mühe hatten mit Ravels virtuosen Frechheiten, das kann das noch immer recht scharf klingende Dokument freilich auch nicht verhehlen. Trotzdem staunt man über den frischen Drive und die strohtrockene, coole Prägnanz der 1874 geborenen Grand Dame der Pariser Hautevolée, die ja menschlich nicht unumstritten war. Fauré bezeichnete sie später als „schamlose Person“, die seinen Namen nur benutzt habe, „um weiter zu kommen“, und auch Ravel-Biograph Roland Manuel schrieb, dass sie Ravel gezwungen hätte, ihr sein Klavierkonzert zu widmen.

Auf alle Fälle gilt ihre Ersteinspielung bis heute als unantastbare Referenz, die auch oft kopiert wurde. So musste Madame Long es sich gefallen lassen, dass ihre spätere, akustisch deutlich bessere Einspielung des G-dur Konzerts aus dem Jahr 1952, das dann von einem Profiorchester, nämlich dem auf Topniveau spielenden Orchestre des Concerts du Conservatoire begleitet wurde, und das deutlich milder und abgeklärter klingt, von der französischen Kritik herb attackiert und an der alten Referenz gemessen wurde. 1952 war Ravel schon lange tot, und die Long war 78 Jahre alt. Kein Wunder, dass sie jetzt die virtuosen Ausbrüche in den Ecksätzen nicht mehr so schnell und makellos aus dem Handgelenk schütteln konnte. Aber noch schlimmer war, dass sie den langsamen Satz jetzt plötzlich mit Gefühl und Atmosphäre auflud, und ihn gegen Ravels erklärte Absicht zu sentimentalisieren und zu beschönigen suchte. Und doch hat auch diese zweite Version ihr Meriten, weil sie einfach deutlich besser und natürlicher klingt und überdies auch vieles von der träumerischen Melancholie des Stückes transportiert, was 1932 unter den damaligen technischen Bedingungen noch nicht möglich war. Andrew Rose hat auch diese Hifi-Version mit aufgenommen in sein 70-minütiges Gedenkalbum, und das ist sehr erfreulich, weil es Direktvergleiche ermöglicht. Das Restprogramm bestücke er mit Milhauds erstem Klavierkonzert in einer Aufnahme aus dem Jahr 1935, die im Vergleich zu dem frühen Ravel-Dokument verblüffend präsent und rauschfrei klingt, und Longs glasklares, ungemein prägnantes und durchsichtiges Spiel hautnah miterleben lässt. Hier, wie auch in den sechs kurzen Solostücken von Milhaud und Debussy, die das Programm überzeugend abrunden, bekommt man einen nachhaltigen Eindruck von der Modernität, der Frische, der Klarheit und Logik ihres Spiels, das nicht zufällig den Maßstab setzte für die französische Klavierkultur des 20.Jahrhunderts.

Pristine Audio download twenty-seven
Marguerite Long spielt Ravel, Milhaud und Debussy
Ravel, Klavierkonzert G-dur
Marguerite Long, Orchestre symphonique, Pedro de Freitas Branco
(Aufnahme 14.4.1932)
Milhaud, Klavierkonzert Nr.1
M. Long, Orchestre symphonique, Darius Milhaud
(Aufnahme 5. 5 1935)
Milhaud, zwei Klavierstücke aus „Automne“ und „Saudades do Brazil“
(Aufnahmen 10 5 1935)
Debussy, vier Klavierstücke aus „Arabesques“, „Estampes“ und  „Préludes“
Marguerite Long, Klavier
(Aufnahmen 1929-1930)
Ravel, Klavierkonzert G-dur
M. Long, Orchestre de la Sociéte des Concerts du Conservatoire. Georges Tzipine
(Aufnahme 12. 6. 1952)
Pristine Audio PASC 285 (mono und ambient stereo)
TT: 72’56

Interpretation 80%-95%
Editorischer Wert 95%




Marguerite Long
Ravel Klavierkonzert G-dur (1952)
1. Satz
ca 34,5 mb (Flac)

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